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Robert van Ackeren über seinen neuen Film

Als ich elf Jahre alt war, schenkte mir meine Mutter eine Bell & Howell Schmalfilmkamera. Aus dieser Zeit stammt auch ein Karton mit Privatfilmen, die ich später immer wieder gerne gesehen habe. Meine Vorliebe für die freie, erfinderische Ausdrucksweise des Amateurkinos, für die Ästhetik des Zufälligen und Unfertigen hat dann dazu geführt, dass ich begann, Amateurfilme zu sammeln.

Seit Jahren beschäftigte ich mich, neben meinen Spielfilmprojekten, mit der Filmform des privat gedrehten Films, in all seinen vielfältigen Erscheinungsformen und Genres, die vom „Testfilm“ bis zum „Schlafzimmerfilm“ reichen. Meine Beschäftigung mit dem Privatkino führte zu der größten deutschen Sammlung dieser Art, der Collection original version und zu meinem neuen Film deutschland privat - Im Land der bunten Träume.

Meine Vorliebe für die Besonderheiten des Amateurfilms teile ich mit der Autorin und Realisateurin Catharina Zwerenz, mit der ich das Projekt gemeinsam hergestellt habe.

Seit dem Siegeszug des Super 8-Films in den 60er Jahren haben Amateure über das ganze Land verteilt Filme gedreht, die ihre Welt abbilden. Die Bildermaschine des Privatkinos hat sich in Gang gesetzt und einen endlosen, im Verborgenen - in Kartons, Schränken, Kammern und Kellern - existierenden Film produziert.

Die Mehrheit der Amateurfilme ist undramatisch, da die Mehrheit der Zeit- und Lebensläufe undramatisch ist. Aus der Fülle der farblosen Streifen haben wir in jahrelanger Sammlertätigkeit die herausragenden und unverwechselbaren Filme zusammengetragen, die nicht nur den Auslöser für rein persönliche Erinnerungen der an der Aufnahme beteiligten Personen darstellen, sondern die das Besondere und Unerwartete im Alltäglichen zeigen.

Kennzeichnend für die überwiegende Anzahl von Privatfilmen ist, dass sie nicht unter künstlerischen Gesichtspunkten entstehen. Der Amateur eignet sich nicht die Wirklichkeit an, um sich wie ein Künstler selbst darin auszudrücken. Die primären Elemente der filmischen Aussage sind die abgebildeten Gegenstände selbst. Die Wirklichkeit wird nicht in übersetzter, sondern in sehr direkter Form abgebildet ohne Verluste von Authentizität. Es sind Filme, die wie keine andere Filmform die Innenwelt dieses Landes zeigen, die Beziehungen zwischen Menschen, ihre Motivationen, Wünsche, Sehnsüchte und heimlichen Vorlieben - Das Universum des Privaten.

Mein Interesse am Amateurfilm gilt insbesondere der unorthodoxen Handhabung des Mediums, den speziellen, ungefilterten Ideen, die keiner Kontrolle durch Autoren, Redakteure und Produzenten unterliegen. Die Filme bilden das ab, was wir uns idealerweise vom Kino erhoffen, die unverwechselbare Abbildung unserer Wirklichkeit aus persönlicher Perspektive, individuelle Statements, um die sich so viele Künstler und Filmemacher vergeblich bemühen und stattdessen dem vitalen individuellen Ausdruck Konfektion, Genremuster und kommerziell gefilterte Phantasie entgegensetzen. Es sind aber auch die bizarren Elemente, die grotesken Übersteigerungen, die ästhetische Schrankenlosigkeit und die mitunter geradezu mysteriöse Formensprache, die die Filme prägen und überraschend machen.

Das Realitätsbild aus privater Perspektive ist in seinen besten Momenten direkt, kühn, wahnhaft, wahr, hässlich, schön, poetisch. Es sind die hässlichen, kleinen Filme, die oft spektakulärer sind als die Spielfilmprodukte der vorformulierten kommerziellen Phantasie. Hässlich steht hier für alltäglich und wirklich und nicht auf erprobte Wirkungen angelegt. Im Authentischen, in der Wahrheit dieser Filme liegt der unerwartete Reiz.

Die Mehrzahl der Amateurfilme hat eine überschaubare Länge und verdichtet die Darstellung des eigenen Lebens auf die als filmenswert empfundenen Höhepunkte. Die Flüchtigkeit der schönsten Augenblicke, der wichtigsten Ereignisse wird festgehalten. Die Bilderproduktion dient als Gedächtnisbild herausgehobener Momente. Es ist die Inventarisierung von Dingen, Personen und Erlebnissen in filmischer Form.

In der gleichen Weise, in der der Amateur sich filmisch der Wirklichkeit annähert, vereinnahmt er die Fülle bereits existierender Abbilder. Die Palette beliebter Motive reicht von Privatfotos, Clips, Postkarten, Zeichnungen und Texten bis hin zu Centerfolds und Wäschekatalogen. Das reproduzierte Material erhält seine eigene Bedeutung mit der filmischen Verarbeitung und wird Teil des Werkes.

Das Sammeln, die Sichtung und die Auswahl der Materialien ist wie ein Filter. Durch die Strukturierung und Verknüpfung findet eine Verdichtung statt, die suggestive Kraft jedes einzelnen Filmes wird spürbar. Genres, Tendenzen, Erlebniswelten werden sinnfällig. Die Wirklichkeitspartikel des Privatkinos verdichten sich zu einem Realitätsbild aus privater Perspektive, das vom Erhabenen und Pathetischen bis zum Trivialen reicht.

Die Super 8-Werke sind die filmischen Originale, die den meist austauschbaren oder verwertungsorientierten Videos der jetzigen Video-Ära durch ihre Unmittelbarkeit, filmische Gestaltungskraft und Dichte deutlich überlegen sind.

Der erotische Film bildet den komplementären Bereich zum alltäglich gedrehten Film. Die Verbindung von Lichtbild und Erotik hat eine lange Tradition. Unmittelbar nach Erfindung der Fotografie entstanden die ersten Aktaufnahmen. Kein anderes Sujet ist seither in gleicher Weise im Bild präsent. Die Alltagswelt wird ganz selbstverständlich filmisch um den Realitätsbereich ergänzt, der sie so maßgeblich mitbestimmt.

Ein Großteil der Amateure produziert erotische Aufnahmen und Sexfilme. Diese Filme bilden ein Genre für sich, sie sind Ausdruck unserer erotisierten Alltagskultur. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Partykeller, Gärten, Natur werden zur Kulisse für die Inszenierung des eigenen Liebeslebens als Sex-Performance.

Männer bedienen die Technik, Frauen agieren als Modelle oder führen Regie. Männerwünsche - Frauenphantasien. Werben, Verführen, Rollenspiele, unterhaltsam und oft mit Witz garniert. Kostüme und Accessoires spielen eine bedeutende Rolle. Frauen zeigen sich im Verwandlungsrausch, Männer sind willfährige Kameraleute der exhibitionistischen Auftritte. Die Hausfrau als nackte Marlene, ihr Partner als Sternberg im Slip.

Die Gegenwart der Kamera steigert die Lust, erhöht die Gefühle. Die Kamera kommt den Selbstdarstellungsbestrebungen der Protagonisten entgegen, wie ein Mitwirkender wird sie in das Geschehen miteinbezogen. Die Filmaufnahme wird Teil des Aktes, erst durch die Aufzeichnung findet das Erlebte wirklich statt. Die Sexfilme machen deutlich, wie die Kamera den geheimen Wünschen der Akteure entgegenkommt.

Die Aktionen werden oft mit Selbstauslöser gefilmt. Enthemmung und Leidenschaft werden begleitet von prüfenden Blicken in die Kamera. Stimmt der Ausschnitt? Bin ich im Bild? Läuft die Kamera - reicht das Material bis zum Höhepunkt? Die Länge der Filmkassetten gibt den Rhythmus der sexuellen Handlungen vor - Sex im Drei-Minuten-Takt, der Laufzeit einer Filmkassette. Die gedrehten Filmszenen dokumentieren die sexuellen Handlungen und gleichermaßen die technische Umsetzung, das making of davon.

Die spätere Vorführung der Liebesszenen ist gleichsam ihre kinematografische Verlängerung. Viele Amateure haben ihre Filme in Ermangelung einer teuren Leinwand auf Bettlaken projiziert. So flimmern die Sexszenen über das Laken, auf dem sie stattgefunden haben - ein Liebesleben für den Film.

Die Darstellung von Sex im Amateurfilm unterscheidet sich trotz aller Direktheit grundsätzlich von Pornografie. Ganz anders als die Pornografie sind die Filme nicht auf das Triebzentrum des Betrachters zum Zwecke der Stimulation und Reizsteigerung ausgerichtet. Die flüchtigen Liebesmomente werden mit der gleichen Selbstverständlichkeit im Filmbild festgehalten wie Reiseeindrücke, Familienfeiern und andere Höhepunkte des privaten Lebens. Die Wirklichkeit hört für den Amateur nicht an der Schlafzimmertür auf. Diese Dokumente des Intimbereiches bilden die notwendige Ergänzung zum alltäglich gedrehten Film.

In einem aufwändigen Prozess wurden die Privatfilmbestände in Bild und Ton restauriert und für eine Vorführung im Kino aufbereitet. Unter Einsatz neuester Techniken wurde in zahlreichen Arbeitsschritten ein Formattransfer der winzigen Schmalfilmoriginale für die Kinoleinwand vorgenommen. Die große Leinwand zeigt die Leistungsfähigkeit des Super 8-Formates. Details und Merkmale werden sichtbar, die in den kleinen Heimvorführungen kaum wahrnehmbar sind. Das Material entfaltet auf der Kinoleinwand seine erstaunliche Bildwirkung und authentische Strahlkraft. Diese besondere Charakteristik und Materialbeschaffenheit von Farben, Kontrasten, Textur wurde von professionellen Filmemachern und Videokünstlern immer wieder vergeblich imitiert, um sich etwas von der authentischen Wirkung des Amateurfilms auszuborgen.